Siebenbürgenreise Bericht

 

Konzertreise der Ellwanger Kantorei nach Rumänien 18.–28.05.2005

 

Anreise

Am Morgen des 18. Mai 2005 machten sich 22 Mitglieder der Ellwanger Kantorei mit ihrem Leiter, Kantor Reinhard Krämer, auf die lange Reise nach Siebenbürgen, um dort in vier verschiedenen Kirchen ihr Pfingstprogramm aufzuführen und zugleich einen Einblick in dieses Land zu gewinnen.. Mit von der Partie waren außerdem ein Gastsänger aus der Partnergemeinde Treben in Thüringen, einige nicht singende Ehemänner sowie ein geduldiger und erfahrener Busfahrer.

 

Vorbei an Nürnberg, Passau, Linz und Wien ging es am ersten Tag bis Tatabanya in Ungarn, sechzig Kilometer vor Budapest, wo wir die erste Nacht im Hotel verbrachten. Regen war  unser ständiger Begleiter gewesen, was aber der guten Stimmung keinerlei Abbruch tat.

 

Am nächsten Morgen, 19.5., fuhren wir weiter, vorbei an Budapest, das allerdings im Regen kaum zu erahnen war, bis zur ungarisch-rumänischen Grenze. Dort gab es durch einen im Hotel vergessenen Pass einen ungeplanten Aufenthalt. Durch viel persönlichen Einsatz, Solidarität  und Hilfsbereitschaft wurde auch dieses Problem gelöst. Drei Chormitglieder blieben zurück und stießen nach einer Zugreise durch die Nacht am frühen Morgen des nächsten Tages wieder zu uns. Der Bus fuhr weiter, nun auf mehr oder weniger guten Landstraßen. Die Stadt Arad musste durchquert werden, was viel Zeit kostete. Am späteren Nachmittag gerieten wir in einen langen Stau, ausgelöst durch eine überflutete Brücke. So kamen wir erst gegen Mitternacht in Michelsberg/Cisnadioara im Elimheim an, wo wir die nächsten Tage wohnen sollten, und bekamen sogar noch ein warmes Abendessen.

 

 

Hermannstadt/Sibiu

Am Morgen des 20.05. gesellte sich unser junger rumänischer Führer Linus zu uns, der uns die ganze Zeit auf unseren Unternehmungen begleitete.  Wir fuhren nach Hermannstadt (Sibiu), Linus führte uns durch die Altstadt, die sich überall durch Baumaßnahmen rüstet für die Ehre, im Jahr 2007 Kulturhauptstadt Europas zu werden. Eindrucksvoll die große gotische Stadtkirche und auch der Blick vom Kirchturm über das unten liegende Häusergewirr. Ganz profane Dinge waren auch zu erledigen, z.B. das Geldwechseln, und mancher von uns wurde für kurze Zeit zum Lei-Millionär.

Am Abend folgte das erste Konzert in der Dorfkirche von Michelsberg. Umrahmt vom feierlichen Ein- und Auszug der Chorsänger zu den Klängen des Introitus „Alta Trinita Beata“ kamen Werke von Praetorius („Nun bitten wir den Heiligen Geist“), Mendelssohn (Psalm 100 op. 69“, „“Te Deum“, „Zum Abendsegen“), Rheinberger („Missa brevis in F op. 117“), Reda („O, welch eine Tiefe des Reichtums“), Bruch („Gebet“), Schütz („Vater unser“), Herzogenberg („Lobe den Herrn, meine Seele“) und Bach („Danket dem Herren, denn er ist sehr freundlich“) zur Aufführung.

Nach dem Konzert begleiteten uns der Pfarrer von Michelsberg und der Bischofsvikar aus Hermannstadt, Prof. Hans Klein, in unsere Herberge und vermittelten uns äußerst interessante Einblicke in das Leben und die politische und wirtschaftliche Situation hier in Siebenbürgen und beantworteten unsere zahlreichen Fragen.

 

 

Freilichtmuseum Astra

Der 21.05. begann mit einem Rundgang durch das Freilichtmuseum Astra, am Stadtrand von Hermannstadt. Hier hat man in einem großen Parkgelände aus allen Regionen Rumäniens typische Bauernhöfe und Handwerkerhäuser, Mühlen, sogar kleine Kirchen zusammengestellt. Die Häuser sind im jeweiligen Stil eingerichtet und werden von Rentnern aus Hermannstadt betreut. Sie mähen das Gras in den Gärten, fegen die Wege mit Laubbesen und befördern Wassereimer, die unvorsichtige Besucher in der Brunnentiefe versenkt haben, wieder ans Tageslicht.

 

 

Michelsberg/Cisnadioara

Zurück in Michelsberg,  sahen wir uns die dortige, auf einem steilen Hügel das Dorf überragende Kirchenburg an, die älteste ihrer Art,  von der man einen weiten Blick in die Landschaft hatte. Nach einem kurzen Spaziergang am Dorfbach entlang zum „Halben Stein“, einem Felsen oberhalb des Baches, brachte uns der Bus nach Sibiel, wo wir uns das Ikonenmuseum anschauten. Hunderte von Heiligenbildern in Hinterglasmalereitechnik aus verschiedenen Jahrhunderten sind hier zusammengetragen worden, manche sehr professionell gemalt, andere eher schlicht. Wie uns die Führerin erklärte, besaß früher jedes Haus mindestens ein oft selbst gemaltes Heiligenbild. Nach einem kurzen Blick in die mit Malereien ausgeschmückte orthodoxe Kirche, noch voll Weihrauchduft vom letzten Gottesdienst, erwartete uns ein deftiges Abendessen auf einem Bauernhof .

 

 

Agnetheln/Agnita

Am Sonntag, 22.05., sollten wir in Agnetheln/Agnita im Gottesdienst singen. Die Straßenverhältnisse und eine lange Umleitung für unseren Bus, die durch sonnenbestrahlte, hügelige, bäuerliche Landschaft führte und viel fürs Auge bot,  ließen uns erst zur Predigt in der Kirche ankommen. Der junge Pfarrer begrüßte uns trotzdem sehr freundlich, wir gaben einen Teil unseres Konzertprogramms zum Besten und wurden danach noch ins Pfarrhaus zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

 

 

Schäßburg/Sighisoara

Nächstes Ziel war Schäßburg/Sighisoara. Über kopfsteingepflasterte Straßen, unter Tor- und Mauerbögen hindurch, an malerischen Hausfassaden vorbei bis zum Burgplatz mit einem kleinen Kunsthandwerkmarkt ließen wir uns treiben, bis hinauf zur Bergkirche, die wir über die so genannte „Schülertreppe“, eine überdachte Treppenkonstruktion,  erreichten. Auch Schäßburg gehörte, wie Hermannstadt, zu den ursprünglich „sieben Burgen“, nach denen dieser Landstrich benannt ist.

 

 

Birthälm/Biertan

Letztes Ziel für den heutigen Tag war die Kirchenburg in Birthälm/Biertan. Beim Rundgang um die auf einem Hügel liegende Kirchenburg  boten sich weite Ausblicke auf das unten liegende Dorf und die umgebende Landschaft. Auffallend waren die terrassierten Hügel. Wie unsere Führerin uns erklärte, wurde hier früher viel Wein angebaut. Voll von neuen Eindrücken fuhren wir in unsere Unterkunft zurück.

 

 

Heltau/Cisnadie

23.05. Nach einem letzten Frühstück in Michelsberg/Cisnadiora bestiegen wir unseren Bus und fuhren unserem nächsten Ziel, Wolkendorf/Vulcan, entgegen. Doch zunächst besichtigten wir in Heltau/Cisnadie, das ganz in der Nähe lag, die dortige Kirchenburg, die mitten im Ort liegt. Der Küster führte uns um die Kirche herum und durch die Kirche und erklärte uns vieles.  Hinter den doppelten Mauerring flüchtete bei Gefahr die ganze Gemeinde. In den inneren Mauerring waren Vorratskammern eingelassen, die im Notfall auch als Wohnung dienten. Nach außen hin schützte ein Wassergraben die Burg, die durch Schießscharten verteidigt werden konnte. Nach diesem Prinzip waren alle Kirchenburgen mehr oder weniger stark befestigt. Die vier kleinen Türmchen am Kirchturm wiesen darauf hin, dass der Ort eine eigene Gerichtsbarkeit hatte und somit unabhängig von der Obrigkeit war. Auch diese Türmchen sollten uns immer wieder bei anderen Kirchen auffallen.

Im Inneren der Kirche befanden sich Altäre aus anderen Gemeinden, in denen die Kirchen ihre Funktion verloren haben und die vor Diebstahl geschützt werden müssen.

 

 

Kerz/Carta

Nächster Halt war in Kerz/Carta, einer ehemaligen Zisterzienserabtei. Ein Großteil der riesigen Kirche und die Klosteranlage sind inzwischen eine Ruine, jedoch waren vom Verteidigungsturm aus, der an die Kirchenfassade angebaut wurde, die Grundrisse noch gut zu erkennen. Der Chor der ehemaligen Klosterkirche dient der evangelischen Gemeinde als Gotteshaus. Auch hier stammte die zweite Orgel aus einer ausgedienten Kirche.

Nach einer ausführlichen Mittagspause in Kerz fuhren wir weiter nach Wolkendorf/Vulcan, ins Sonnenheim, unserem Quartier für die nächsten Tage. Und die Zeit reichte sogar noch für eine Chorprobe!

 

 

Kronstadt/Brasov

Für den nächsten Tag, 24.05., war eine Besichtigung von Kronstadt/Brasov geplant. Durch einen Torbogen in der mittelalterlichen Befestigung fuhren wir in die Stadt hinein. Unser Führer Linus zeigte uns die Altstadt, wir besichtigten die Schwarze Kirche, benannt nach ihrer schwarzen Färbung nach einem Stadtbrand, die inzwischen aber durch Restaurierung wieder grau geworden ist. In dieser großen gotischen Kathedrale befindet sich eine sehr wertvolle Sammlung alter türkischer Teppiche, von Kronstädter Kaufleuten im Laufe von Jahrhunderten als  Dank für glückliche Rückkehr nach gefahrvollen Reisen gestiftet. Die Kirchenbänke, in denen die Männer nach Zünften geordnet saßen, sind mit Symbolen für die jeweilige Zunft bemalt. Vor der Kirche steht die Statue des Siebenbürger Reformators und Luther-Schülers Johannes Honterus.

Das alte Rathaus, heute Museum, beherrscht den dreieckigen zentralen Platz.  In einem Hinterhaus hatte  ein reicher Kaufmann eine orthodoxe Kirche einrichten lassen, in die wir einen Blick warfen.

Ein Teil unserer Gruppe hatte sich für eine Wanderung zur Schullerau/Poiana Brasov entschieden, während die anderen die Fahrt mit dem Bus vorzogen. Leider kannte sich Linus auch nicht aus, nach langer Suche nach dem richtigen Weg und einer anstrengenden Kletterpartie durch die Wildnis gab auch die Wandergruppe klein bei und nahm den Stadtbus zum Treffpunkt.

Am Abend sangen wir in der malerischen Kirchenburg von Zeiden/Codlea. Anschließend wurden wir im wunderschön blühenden Pfarrgarten bewirtet. Ein gutes Abendessen gab es danach in Wolkendorf.

 

 

Sinaia - Castel Bran - Rosenau/Rasnov

Am 25.05. wollten wir den Süden Siebenbürgens erkunden. Die Fahrt ging in den Wintersport- und Luftkurort Sinaia, der am Fuß des über 2000 m hohen, teilweise noch schneebedeckten Bucegi-Gebirges liegt. In Sinaia befindet sich Schloss Peles mit seinen Fachwerktürmchen und Zinnen, für den ersten rumänischen König Karl I aus dem Haus Hohenzollern Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. In Filzschlappen folgten wir der jungen Führerin durch die aufs Edelste mit internationalem Kunsthandwerk ausgestatteten königlichen Gemächer: holzvertäfelte Räume, riesige Spiegel aus Kristall, Porzellan aus Japan und China, buntes Glas für Lüster und Spiegelrahmen aus Murano … Das Kloster Sinaia, nach dem der Ort benannt ist, mussten wir links liegen lassen, die Zeit drängte . Nächster Halt war bei Castel Bran, der Törzburg, hoch über der einst wichtigen Handelsstraße zwischen Siebenbürgen und der Walachei gelegen. Ihr Grundriss ist dem steilen Felsen, auf dem sie liegt, perfekt angepasst und  mit ihren Türmen und Mauern ist sie ein Musterbeispiel für eine mittelalterliche Burg. Seit dem 14. Jahrhundert bewacht sie den Törzpass. Der Schöpfer des Dracula-Romans hat seine Handlung hier angesiedelt, obwohl der historische Dracula, Vlad III. Tepes, wohl nie hier war. Die Burg war im 19. Jahrhundert Lieblingssitz von Königin Maria, die sie mit ihren Möbeln ausstattete.

Auf der Rückfahrt machten wir noch Halt in Rosenau/Rasnov, wo auf einem Bergrücken eine ausgedehnte Bauernburg bestand, deren verfallene Gebäude heute zum Teil wieder aufgebaut werden. In Kriegszeiten konnten sich die Bauern der Umgebung mit ihrem Vieh in diese Burg flüchten, die Wasserversorgung war durch einen 146 m tiefen Brunnen gesichert. Vom höchsten Punkt der Burg aus hatten wir einen atemberaubenden Panoramablick über die unten liegenden Siedlungen und Felder.

Dann flüchteten auch wir, nicht vor dem Feind, sondern vor einem heftigen Gewitter, das sich tiefschwarz am Himmel ankündigte.

Nach dem Abendessen in Wolkendorf gesellte sich Albrecht Klein, pensionierter Zahnarzt aus Kronstadt, zu uns und berichtete lange und ausführlich über die aktuelle wirtschaftliche Lage in Siebenbürgen. Und wenn jemandem die Augen zufielen, lag das sicher nicht an seinen interessanten Ausführungen.

 

 

Tartlau/Prejmer

26.05., letzter Tag in Siebenbürgen. In Tartlau/Prejmer besichtigten wir eine besonders stark befestigte Kirchenburg, einst geschützt durch einen breiten Wassergraben und einen 12 m hohen Mauerring, der vollständig erhalten ist. Innen an der Mauer sind Verschläge angebracht, über hölzerne Leitern zu erreichen, die in Friedenszeiten als Speicher, im Krieg als Wohnraum dienten. Jede Familie im Dorf hatte ihren Raum. Unter dem Dach lief rings herum ein Wehrgang mit Schießscharten und Pechnasen. Wenn die dörfliche Siedlung zerstört wurde, was im Mittelalter in regelmäßigen Abständen geschah, ging das dörfliche Leben im Innern der Burg weiter.  In der gotischen Kirche, deren Grundriss ursprünglich ein orthodoxes Kreuz mit gleich langen Seiten war, klang unser spontan auf Andeutungen unserer Führerin hin angestimmtes „Alta Trinità Beata“ besonders schön.

 

 

Honigberg/Harman

Ganz in der Nähe liegt Honigberg/Harman, eine ebenfalls stark befestigte Kirchenburg, die wir uns ansahen. Auch hier bemerkten wir wieder die vier kleinen Türme am Kirchturm als Zeichen für eigene Gerichtsbarkeit. Die Speicherräume waren nur noch zum Teil erhalten, dafür waren die Mauern mit Türmen bewehrt.

 

 

Wolkendorf/Vulcan

Am Abend sangen wir in der Kirche in Wolkendorf. Aus drei Gemeinden kamen unsere Zuhörer recht zahlreich, und weil sie in der Kirche nicht klatschen durften, bedachten sie uns nach dem Konzert auf dem Vorplatz mit reichlichem Beifall. Bei Baumstriezel, einer Spezialität, die die Frauen extra für uns gebacken hatten, und Wein saßen Wolkendorfer, Rosenauer, Neustädter und Ellwanger zusammen, es gab lebhafte Gespräche zwischen den Gruppen, und als gemeinsam Volkslieder gesungen wurden, erwiesen sich die Siebenbürger Sachsen als textsicherer als wir Deutsche. Gerade die Aufführung in Wolkendorf war durch die anschließenden zwischenmenschlichen Kontakte besonders einprägsam.

 

Heimreise

Ein letztes Mal wurden wir im Sonnenheim von einem guten Abendessen verwöhnt.

 

Am 27.05. um sieben Uhr fuhren wir in Wolkendorf ab. Die Rückfahrt verlief ohne jede Störung. Kein Bergrutsch, keine Überschwemmung, kein vergessener Pass. Das Wetter so prächtig, wie es nur sein kann. In Hermannstadt setzten wir unseren Führer Linus ab, der sich in den letzten Tagen viel Mühe gegeben hatte, seine „Führungsqualitäten“ zu verbessern, und den wir als netten, intelligenten jungen Mann kennen gelernt hatten. Bis kurz nach der rumänisch-ungarischen Grenze ging die Fahrt über Landstraßen, dann begann in Ungarn die Autobahn. Zwischenübernachtung war wieder in Tatabanya. Am nächsten Morgen, 28.05.,  setzten wir die Heimfahrt fort. Vom Bus aus sahen wir rechts und links der Autobahn vieles, was bei der Hinfahrt regenverhüllt war. Unerwartet früh, gegen 18 Uhr, erreichten wir wohlbehalten Ellwangen.

 

Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis wir die unzähligen neuen Eindrücke, die uns diese Fahrt beschert hat, verarbeitet und sortiert haben, doch eines steht schon jetzt fest: für jeden einzelnen von uns war diese gelungene Reise nach Siebenbürgen in vielfacher Hinsicht eine Bereicherung.

 

U. Staiger-Schmid